Elternschaftsbedingte Erwerbslücken 2024
Nach dem ersten Kind: Elternschaft öffnet Erwerbslücke
23.02.2026 – Die Erwerbstätigkeit in Liechtenstein zeigt deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Diese werden insbesondere durch Familiengründung verursacht. Laut der Analyse „Elternschaftsbedingte Erwerbslücken 2024“ sinkt die Erwerbsbeteiligung von Frauen nach der Geburt des ersten Kindes erheblich, während Männer nahezu unverändert erwerbstätig bleiben. Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen nach der Geburt im Durchschnitt einen um 60% tieferen Beschäftigungsgrad aufweisen als Männer. Dieser Rückgang ist zum Teil auf ein vollständiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben zurückzuführen: Die Erwerbswahrscheinlichkeit der Frauen sinkt infolge der Geburt um 31% mehr als bei Männern.
Nach 30 öffnet sich die Schere in der Erwerbstätigkeit
Trotz bedeutender Fortschritte in der Gleichstellung von Frauen und Männern bleiben in der Arbeitswelt nach wie vor erhebliche geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen Frauen und Männern bestehen. In Liechtenstein waren 2024 insgesamt 82.0% der 20- bis 64-jährigen Männer und 72.4% der Frauen in derselben Alterskategorie erwerbstätig. Damit lag der Unterschied bei 9.7 Prozentpunkten. Frauen waren nicht nur weniger häufig, sondern auch in geringeren Pensen tätig. Der durchschnittliche Beschäftigungsgrad der erwerbstätigen Frauen lag 2024 bei 72.6% und bei den erwerbstätigen Männern bei 93.5%.
Eine Betrachtung nach Altersklasse zeigt, dass diese geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Erwerbstätigkeit auf die über 30-jährigen Personen zurückzuführen sind. Zwar sind bereits die unter 30-jährigen Frauen etwas weniger häufig erwerbstätig als ihre männlichen Altersgenossen, bei den über 30-Jährigen nehmen diese Unterschiede aber deutlich zu. Über das gesamte Erwerbsleben lassen sich dann gewisse Schwankungen beobachten, die entstandene Lücke schliesst sich jedoch bis zur Pensionierung nicht mehr.
Geburt des ersten Kindes führt zu Rückgang der Erwerbstätigkeit bei Müttern
Betrachtet man statt dem Alter den Abstand zur Geburt des ersten Kindes in Jahren, zeigt sich bei den Frauen bereits ein deutlicher Zusammenhang mit der Geburt des ersten Kindes. Der Abstandswert wird berechnet, indem vom Betrachtungsjahr das Geburtsjahr des ersten Kindes abzogen wird. Beispielsweise gibt ein positiver Wert 5 die Erwerbstätigkeit 5 Jahre nach der Geburt, ein negativer Wert von -2 die Erwerbstätigkeit zwei Jahre vor der Geburt an. Die folgende Abbildung illustriert diesen Zusammenhang beispielhaft an den Daten von 2019. Dies ist das aktuellste Jahr, für welches Daten für den gesamten Beobachtungszeitraum von -5 (Geburten im Jahr 2024) bis 20 (Geburten im Jahr 1999) vorhanden sind.
Es zeigt sich, dass sich vor der Geburt des ersten Kindes sowohl die Erwerbsbeteiligung als auch der Beschäftigungsgrad von Frauen und Männern auf einem ähnlichen Niveau befinden. Im Jahr nach der Geburt sind Frauen aber sowohl deutlich weniger häufig als auch in deutlich geringeren Pensen erwerbstätig. Mit zunehmender Distanz zur Geburt des ersten Kindes fallen die Werte für die Frauen tendenziell wieder höher aus. Sie erreichen jedoch im Betrachtungszeitraum das Niveau vor der Geburt des ersten Kindes nicht wieder. Bei den Männern spiegelt sich die Geburt des ersten Kindes jedoch weder in der Erwerbsbeteiligung noch im durchschnittlichen Beschäftigungsgrad wider. Letzterer liegt bei den erwerbstätigen Männern auch nach der Geburt im Mittel nahe bei 100%. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass die Aufgaben der Kinderbetreuung nach wie vor vor allem von Frauen wahrgenommen werden. Auffallend ist dabei auch die langfristige Persistenz: Auch 20 Jahre nach der Geburt des ersten Kindes zeigen sich noch deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Die Reduktion der Erwerbstätigkeit in Folge der Kindererziehung wirkt sich somit auch langfristig aus.
Die «Kinderstrafe» gibt es auch in Liechtenstein
Diese Lücke in Folge der Geburt des ersten Kindes zwischen den Geschlechtern wird in der Forschungsliteratur als Kinderstrafe bezeichnet. Aufbauend auf diesem vor allem von Henrik Kleven geprägten Konzept hat das Amt für Statistik in Zusammenarbeit mit Universität St. Gallen erstmals eine entsprechende Analyse für Liechtenstein durchgeführt. Untersucht wird, wie stark sich die Erwerbsbeteiligung und der Beschäftigungsgrad von Müttern im Vergleich zu Vätern in den zehn Jahren nach der Geburt des ersten Kindes unterscheiden. Anders als reine Querschnittsanalysen stützt sich dieser Ansatz auf einen Paneldatensatz, der es ermöglicht, dieselben Personen über mehrere Jahre hinweg zu beobachten und so auf individueller Ebene nachzuvollziehen, wie sich Mütter und Väter die Erwerbstätigkeit nach der Geburt ihres ersten Kindes aufteilen.
Publikation
Methodik & Qualität
Die Analyse basiert auf den Daten der Bevölkerungsstatistik. Für detaillierte Informationen zur Methodik und Datenqualität wird auf die entsprechenden Publikationen verwiesen.